Hildegard von Bingen (1098-1179) gilt als die große Heilkundige des Hochmittelalters. In Bermersheim oder Böckelheim bei Alzey geboren, entstammte sie einer hochadeligen Familie. Als zehntes Kind wurde sie von den Eltern für ein religiöses Leben bestimmt. Bereits als Kind lebte Hildegard in einer klösterlichen Gemeinschaft.
Hildegards Leben war von Krankheit gezeichnet. Ihre visionären Weltschauen waren dem Psychater Oliver Sacks zufolge vermutlich Migräneanfälle, die sie oft für lange Zeit an Bett fesselten. [Oliver Sacks, Migraine, Berkeley 1970]

Hildegard originellste Schöpfungen entstanden auf dem Gebiet der Musik. Völlig losgelöst vom üblichen Stil der Zeit, schuf sie eine hochvirtuose Musik, deren Aufführung nur durch Spezial-ensembles möglich ist. Hier ist vor allem die Gruppe Sequentia unter der Leitung von Benjamin Bagby und Barbara Thornton zu erwähnen.
Bei den beiden heilkundlichen Schriften, die unter Hildegards Namen veröffentlicht worden sind, handelt es sich zumeist um neue Zusammenstellungen einer Materia medica aus der antiken Tradition. Die Physica, die Naturkunde, beschreibt in neun Büchern und 513 Einzelbeschreibungen Pflanzen, Edelsteine, Fisch, Vögel, Tiere und Gewürm (auch der Drache hat einen Eintrag). Die Heilkunde, Causae et Curae, enthält vieles, was durch die Klosterheilkunde an Mitteln und Rezepten überliefert wurde. Der Hauptteil besteht jedoch aus religiösen Deutungen von Krankheiten. Der Sündenfall des Adam soll bei diesem z.B. Traurigkeit und Verweiflung ausgelöst haben, welche aus einem Übermaß an schwarzer Galle entstehen.
Durch diese Erklärungsmuster schließt sich bei Hildegard der Kreis zur antiken Tradition der Humoralpathologie.

Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu einer Hildegard Renaissance. Die mit ihr in Zusammenhang gebrachten Schriften wurden wieder veröffentlicht und es gibt viele Ansätze, das darin erhaltene Wissen für die moderne Zeit nutzbar zu machen.
Vor allem die Internationale Gesellschaft Hildegard von Bingen ist sehr aktiv in der Wissensvermittlung. Auch das von Hildegard selbst gegründete Kloster St. Hildegard in Eibingen leistet einen wichtigen Beitrag.
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